Willkommen in Opa Karls Märchenstube!

Hier erzählt Opa Karl einige Märchen und Fabeln für seine Enkelkinder. Solche ‚Geschichtlein‘ erzählte ihm einst sein eigener Opa und der lernte sie seinerseits vor mehr als hundert Jahren von seinem Großvater.

Die Geschichtlein sind so aneinandergereiht, dass das intellektuelle Niveau steigt – vom leicht verständlichen, kurzen Märchen für kleine Kinder (Sterntaler) bis zur psychologisch anspruchsvollen Fabel (Wolf und Lamm). Damit Märchen und Fabeln ihre Wirkung nicht verfehlen, rät Opa Karl: Macht Pausen nach jedem Geschichtlein. Dann wird die phantastische Märchenwelt nicht abrupt zerstört, sondern kann noch nachklingen; und der Verstand hat genügend Zeit, die Lehre aus einer Fabel zu ziehen. Kleinen Kindern hilft es, wenn sie dieselbe Geschichte mehrmals hören.

Märchen

Rotkäppchen (Jessie Wilcox Smith (1863-1935)

Märchen waren zu allen Zeiten, in allen Völkern, bei Menschen jeden Alters geschätzt. Kinder, Eltern und Großeltern verstehen sie auf je eigene Weise. Unsere Kinder brauchen Märchen – vor allem um sich von deren unerschöpflicher, tiefsinniger Phantasie anregen zu lassen. Sie verstehen die schlichte Symbolik und Wertordnung der Märchen; Gute werden überreich belohnt, Böse hart bestraft. Erwachsene erkennen im Märchen die Lebensumstände und das Weltverständnis unserer Vorfahren; alte Leute erinnern sich vielleicht an ihre eigene Kindheit.

Die Märchen zeichnen das Leben der kleinen Leute: der Bauern, Handwerker, Tagelöhner, Knechte, Mägde, Kinder, Bettler. In dieser Welt der Armen, Rechtlosen, meist des Lesens Unkundigen wurden sie erzählt, wenn das Landvolk zur Arbeit, beispielsweise zum Spinnen, zusammenkam, oder nach getaner Arbeit; denn außer Gesang, Musik und Tanz gab es ansonsten wenig gesellige Unterhaltung.

Wohl unbewusst lassen uns die Märchenerzähler psychosoziale Hintergründe aus ihren Geschichten erspüren. Im Märchen entwerfen sie das Bild einer besseren, gerechteren, glücklicheren Welt, in die der Erzähler und seine Zuhörer durch die Macht der Phantasie gelangen. Märchenfiguren werden daher niemals als Individuen eingehend beschrieben. Es gibt schöne Königstöchter, aber sie bleiben so allgemein gehalten, dass die Zuhörer ihre eigenen Wunschbilder in sie hineindeuten.

Opa Karl wünscht seinen Zuhörern eine vergnügliche Träumerei in dieser zauberhaften Märchenwelt – auch wenn er die Erwachsenen gelegentlich mit ironischen Abwandlungen oder eigenwilligen Deutungen verschmitzt in die Lebenswirklichkeit zurückholt.

Fabeln

Reineke Fuchs (Fridjof Spangenberg)

Was unterscheidet die Fabel vom Märchen? Märchen möchten die Phantasie anregen und den Zuhörer vorübergehend in eine glücklichere Wunschwelt entführen. Damit dies gelingt, dürfen die Geschichtlein nicht zu kurz sein. Fabeln hingegen fordern unseren Verstand. Sie möchten uns dauerhaft vernünftig, klug und weise machen. Ihre einfache Handlung (an einem bestimmten Ort,  zu einer bestimmten Zeit) zielt einzig auf einen lehrreichen Schluss hin.

In den Fabeln handelnde Tiere charakterisieren menschliche Eigenschaften. Die hier erzählten, kurzen Tierfabeln wurden einst von den berühmten Fabeldichtern der Antike, dem Griechen Äsop und dem Römer Phädrus, in Versform verfasst. Beide waren freigelassenen Sklaven. In ihren Tierfabeln konnten sie übles Verhalten mancher Herren anprangern, ohne die gemeinten Personen beim Namen zu nennen, denn das wäre lebensgefährlich gewesen.